Neue Pötte und Reisebericht zu Carola und Reimar Krüger, Obermühle / Blankenheim

Im letzten Jahr hatten wir einen Kurzurlaub gemacht und waren an die Müritz zu Markus Böhm gereist.
Auf die Fahrt in diesem Jahr habe ich mich besonders gefreut: Es ging in den Südharz zu Carola und Reimar Krüger. Sie sind mit ihrer Keramik regelmäßig auf dem Oldenburger Töpfermarkt vertreten und ich konnte schon einige schöne Stücke mit Ascheanflugglasur erwerben (nicht umsonst ziert die Titelzeile dieses Blogs ja von Anfang an eine Teeschale von Reimar Krüger).

Wir wurden vom Töpferehepaar außerordentlich herzlich und gastfreundlich empfangen. Wohnhaus, Werkstätten, Ausstellungsräume und Öfen befinden sich von Natur umgeben auf einem umfassend restaurierten und renovierten ehemaligen Mühlengrundstück mit Scheune. Erst wenn man weiß, wie nach dem Erwerb noch zu DDR-Zeiten der Neuaufbau unter anderem mit selbst gefertigten Lehmziegeln tatsächlich von statten ging, kann man das sich heute als Idyll präsentierende Gesamtensemble richtig würdigen.

140408_krueger_01
Das dazugehörige Restaurant / Café mit Biergarten lädt Gäste zum Verweilen ein.

Die Werkstatt mutet schon recht japanisch an und bietet einen hellen, offenen Ausblick auf den Anagama.

140408_krueger_02

Dieser war bereits für den nächsten Brand eingebaut und vermauert, ließ aber noch neugierige Blicke ins Innere zu – ein schöner Rücken kann auch entzücken ;-).

140408_krueger_04

Es ist faszinierend, die weißen, meist vollkommen unglasierten Stücke vor dem Brand zu sehen und nur zu ahnen, wie sie sich in dem bald folgenden, über einwöchigen Brand bei 1.350 Grad durch rund 25 Raummeter Holz verwandeln werden.

140408_krueger_05

Deutlich zu sehen sind die neuen Chawan, die nach Auskunft des Töpfers gezielt auf ein geringeres Gewicht getrimmt sind; ich bin sehr gespannt darauf!

Auch wenn Reimar Krüger sich selbst als ruhig und zurückhaltend beschreibt, kommt man mit ihm sehr schnell in tiefe und lebhafte Fachgespräche, so bald es sich um die Keramik im japanischen Stil (und alles was damit zusammenhängt) dreht. Gerade von den Erlebnissen ihrer Japanreisen können beide Töpfer mit riesiger Begeisterung erzählen.

140408_krueger_03

Diese Begeisterung wurde vor allem durch den leider viel zu früh verstorbenen Horst Kerstan, mit dem die erste Japanreise stattfand, geweckt. Seine väterlichen, aber auch knallharten Ratschläge lenkten das Töpferehepaar in die nun so konsequent und erfolgreich beschrittene Richtung. Der frühere Ofen steht noch und wird heute gelegentlich für Salzbrand verwendet – als Ofen für Ascheanflug taugte er nach dem klaren Urteil Kerstans („Mickey-Maus-Ofen“) jedoch nicht.

140408_krueger_06

Weitere Reisen führten unter anderem zu Shiho Kanzaki, Kumano Kuroemon, Tsujimura Shiro sowie in ein Zen-Kloster und auch in die Galerie Robert Yellins in Kyoto.  Keramik und Kalligraphie im Haus zeugen von diesen Fahrten.  Mich als Sammler hat besonders gefreut, dass ihre erworbenen Gefäße (ich hatte z.B. einen schönen Teebecher aus Bizen mit Hidasuki-Spuren) auch benutzt werden dürfen und dass beide Keramiker in ihrer Rolle als Käufer von der selben Aufregung und Spannung beim Besuch einer fremden Ausstellung und ihrer Freude über einen gelungenen ‚Fang‘ berichteten.

 

Aus Oldenburg wusste ich, dass Reimar Krüger sich auch mit aufgebrachten Glasuren, etwa im Shino-Stil, beschäftigt. Für mich besonders reizvoll, wenn diese zusätzlich die Spuren des Anagama tragen. Das ist vielleicht nach japanischen Standards eher unorthodox (und wird etwa durch Brennkapseln vermieden), aber durchaus nicht unbekannt, wie die kuma-shino Stücke von Kumano Kuroemon zeigen. Ein sehr schönes Bespiel dafür ist dieser rote Shino-Teller.

140408_krueger_reimar_platte
ca. 28,5 cm groß, getöpfert um 2012

140408_krueger_reimar_teller_d

In der Makroaufnahme gut zu sehen ist der Ascheanflug und eine Goldlackreparatur (kintsugi).

Auch das folgende erworbene Stück ist schon etwas älter und zeigt den souveränen Umgang mit einer traditionellen (chinesischen) Chün-Glasur und ihrer besonderen Ausprägung im Anagama. Auf der dem Feuer zugewandten Seite ist die Oberfläche matt-kristallin, ansonsten glänzend celadon- und rotgefärbt.

140408_krueger_reimar_chawan_chun_

ca. 7,5 cm hoch und 12 x 10,5 cm breit, um 2012

Die Teeschale ist oval verformt, liegt sehr gut in der Hand und hat eine ausgesprochen gelungene Lippe zum Trinken. Ihre Porzellanmasse wirkt dank der Oxidationsspuren selbst am unglasierten Fuß nicht kühl und steril. Bereits jetzt kann man erahnen, wie schön sie durch das Craquelé im Laufe der Zeit mit der Benutzung reifen wird. Eine sehr schöne Schale – immer wieder freue ich mich, wenn ich mal Stücke, die irgendwie dem Auge der früheren Besucher entgangen sind, ‚befreien‘ kann. Eine Ausstellung mit brandneuen Stücken, frisch aus dem Ofen sozusagen, ist etwas großartiges, wenn man quasi aus dem Vollen schöpfen kann und die spektakulärsten Stücke noch da sind. Das ist aber mitunter auch eine Gefahr – schnell erliegt man dem ‚lauten‘, dekorativen Stück und übersieht vielleicht eine eigentliche, zurückhaltende Schönheit.

140408_krueger_reimar_chawan_chun_d

 

Von diesen gekonnt glasierten Stücken abgesehen liegt der Schwerpunkt beider Töpfer aber auf  Werken, die erst (und nur) durch die Ofenatmosphäre und die umherwirbelnde Asche lebendig werden. Dabei muss sich die hohe Qualität nicht durch die Menge an zu Glas ausgeschmolzener Asche ausdrücken. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Reimar Krüger nach dem Brand sorgfältig Ofen und Ofenplatten reinigt und glättet und so übermäßigen Tropfenfall unterbindet, also eher das Gegenteil von dem, was z.B. im Buch „Holzbrand“ von Masakazu Kusakabe und Marc Lancet mit ihrem „Dancing-Fire-Holzofen“ und seinen Schachbrettbögen und „Elefantenzähnen“ propagiert wird. Ich kann es gut nachvollziehen: Mitunter sind es gerade subtile Eindrücke, die den Betrachter besonders ansprechen. Etwa der Scherben selbst, in dezenten Rot-, Orange- und Cremetönen und klaren Kontrasten, mit einem Fenster, das den Ton (fast) in seiner ursprünglichen Natürlichkeit mit Unebenheiten zeigt.

Ein schönes Beispiel ist diese kleine Teedose, inzwischen die Dritte im Bunde vom selben Töpfer (alle drei fallen sehr unterschiedlich aus):

140408_krueger_reimar_teedose

ca. 7 x 7 cm klein, um 2012

Bei diesem Exemplar wurde noch Ebenholz für den Deckel (der präzise schließt) eingesetzt, ansonsten kommen bei den aktuellen Dosen Wasserbüffelhorn neben traditionell-elfenbeinfarbenen Deckeln zum Einsatz.
140408_krueger_reimar_teedose_d

 

Diese Sushi-Platte – hier mal für Kuchen zweckentfremdet, nächstes Mal backen wir auch selbst 😉 zeigt ebenfalls schön die Spuren des Ofens.

140408_krueger_reimar_platte1

ca. 25 x 11,5 cm, 3,5 cm hoch

140408_krueger_reimar_platte_d

Im Detail sind die scharf abgegrenzten Farbspiele des Feuers, Oxidations- und Reduktionsspuren und die Flammenwege um die Brandstützen herum zu erkennen.

 

Faszinierend auch diese wirklich kleine Vase von Carola Krüger. Trotz der geringen Größe gibt es so viel zu sehen und zu bewundern,
von den Abdruckspuren auf der dem Feuer zugewandten Seite, die Blumen wunderschön zu Geltung bringt

140408_krueger_carola_vase_vorn
bis zur leuchtend verfärbten Rückseite mit Muschelabdrücken, die dem kleinen Kerl mit den traditionellen ‚Ohren‘ auch ganz solo große Wirkung verleiht (wer es bis jetzt noch nicht bemerkt hat: Die Aufnahmen können durch Anklicken vergrößert werden ;-).

140408_krueger_carola_vase_hinten

ca. 9 x 6 cm (mit Ohren)

Wir danken herzlich für die großzügige Gastfreundschaft, für die vielen Berichte und Eindrücke sowie für die faszinierende Keramik.
Ich freue mich schon auf die nächsten Stücke und ganz sicher auf ein nächstes Treffen!

2 Gedanken zu “Neue Pötte und Reisebericht zu Carola und Reimar Krüger, Obermühle / Blankenheim

  1. Pingback: Töpfermarkt Frechen 2014: Susanne Lukács-Ringel, Reimar Krüger, Markus Böhm | Teeschale

  2. Pingback: Teeschale

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s